Kalligraphie: Liebe auf Papier
Mit Kreativität und innerer Ruhe zu einzigartigen Weihnachtskarten
Die Spitze der Gänsefeder kratzt über das Papier, langsam erscheinen die Buchstaben „iebe Weihnachtsgrüße“. Das überdimensionale „L“ von „Liebe“ hat der Regensburger Kalligraph Roland Meier zuvor bereits mit einer breiten Metallfeder auf das schwere Büttenpapier aufgebracht. In seiner Schreibschule Kinkallizchen werden heute Weihnachtskarten gestaltet.
Was es dazu braucht? Mindestens eine vorne breite Schreibfeder, Bandzugfeder genannt, eine mit feiner Spitze – die Schwellzugfeder, deren Spitze sich wie die gespaltene Zunge einer Schlange in zwei teilt, wenn man Druck darauf ausübt – und hochwertiges Papier. Am besten geschöpftes Büttenpapier, rät Meier.
Als Farbe gibt es fertige Tuschen und Tinten im Glas zu kaufen, aber der 61-Jährige stellt seine Farbe gern selbst her. Für die Nussbaumtinte, mit der er das große „L“ schreibt, hat er Walnüsse gesammelt, deren Außenhüllen bereits ihre durch Verrottung braun-schwarze Farbe angenommen hatten. Die Nüsse wurden in Wasser eingeweicht und aufgekocht, das dunkle Gebräu anschließend durch Nylonstrümpfe abgeseiht, damit keine Schmutzpartikel die natürliche Farbe verunreinigen, die noch mit etwas Essig haltbar gemacht wurde.
Nun ziert sie in braunen Schwüngen das Papier. Ein edles „L“, bis Meier das Blatt dreht. Nun erkennt man dort ein „J“. Buchstaben, das lernen die Teilnehmer in Meiers Kalligraphiekursen, bestehen aus bestimmten Formen. Man muss nicht jeden Buchstaben in jeder Schrift auswendig zu schreiben lernen. Wer die zugrunde liegenden Formen beherrscht, kann sich daraus die Buchstaben zusammensetzen – und manchmal reicht eine Form für zwei. Er macht es vor: das u und das n, das h und das y verwandeln sich ineinander, sobald man sie auf den Kopf stellt.
Der Kalligraph nutzt das gerne für die Gestaltung. So schreibt er mit der Gänsefeder, deren Spitze er selbst zugeschnitten und über einem Kohlebecken in heißem Sand gehärtet hat, das „iebe Weihnachtsgrüße“ mit Chinatusche. Die Farbe hat er direkt zuvor selbst aufbereitet. In der Mulde eines Schiefersteins rieb er den zum Rechteck gepressten Ruß in einigen Tropfen Wasser, bis ein stark deckendes Schwarz entstand, das er mit dem Pinsel auf die Federspitze auftrug.
Der Weihnachtsgrüße bestehen aus mittelalterlich anmutenden, gotischen Lettern. Ihnen gegenüber schreibt Meier auf dem gedrehten Blatt an das nun große „J“ ein „ingle Bells“ in englischer Schreibschrift mit feiner Feder. Eine Weihnachtskarte, zwei Botschaften im Handumdrehen. Weitere Verzierungen braucht es nicht, „jeder Schnickschnack lenkt von der Qualität der Schrift ab“, sagt der gelernte Elektriker, der sich seit 25 Jahren in der Kunst des schönen Schreibens und der Bildkomposition mit Schrift übt.
Aber eine Weihnachtskarte soll für ihn in Schrift, Text und Gestaltung zum Empfänger passen. Daher wählt er für sein zweites Werk heute roten Karton, auf den er mit goldener Metallicfarbe „Frohe Weihnachten 2026“ schreibt. Als dekoratives Element sprüht er mit einem kleinen Airbrush eine goldene Weihnachtskugel neben die Schrift, gibt ihr mit einem schwarzen Stift Kontur und hängt sie mit wenigen geschickten Strichen am Kartenfalz auf. Fertig? „Hm, man könnt‘ jetzt noch Berge dazu machen“, meint Meier und reißt Ecken in ein Blatt Papier, bis seine Kante aussieht wie das Relief einer Berg kette. Er legt das Papier auf die Karte, drückt den Knopf des Airbrushs und schon erscheint die Bergkette als goldener Farbstaub auf der Karte.
Fertig, aber die Kreativität des Künstlers ist noch lange nicht am Ende. Er gestaltet ein passendes Kuvert, adressiert an das Weihnachtspostamt, zeigt, wie man mit dem fedrigen Ende einer Gänsefeder zeichnen kann, führt Schreibwerkzeuge wie Schwanenfeder und Holzspachtel vor. Er spricht über die Seele des Pinsels, arabische und asiatische Einflüsse und verrät, was man unbedingt braucht, um Kalligraphie zu erlernen: „Ein inneres Lächeln. Und die Bereitschaft, einen Weg wirklich zu gehen – nicht im Sprint, sondern langsam.“ Dann sei Kalligraphie meditativ, bringe für Stunden oder Tage „absolute Ruhe“. Genau das Richtige für etwas Besinnung in turbulenten Vorweihnachtstagen. Und wer mit den Karten fertig ist, kann noch viel mehr gestalten: Menüs, Tischkärtchen, Kerzenschirme, Servietten, Christbaumkugeln…
© Ulrike Kühne
Die riesige Weihnachtskarte – sie wird später noch beschnitten – wird in englischer Schreibschrift (rechts) und einer mittelalterlichen Schriftform (links) gestaltet, mit den jeweils zu ihrer Blütezeit passenden Schreibwerkzeugen.
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Schöne Weihnachtskarten machen viel Arbeit. Deshalb schreibt Meier privat nur „an Leute, die es wirklich verdienen“.
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von Ulrike Kühne
Schreiben Sie nie auf kariertem Papier: Das ist wie eine Gefängniszelle, man darf nicht drüber hinaus.