© Gertraud Wittmann

Wellness mit Pferd

Langsam und leise durch den Schnee im Bayerischen Wald

das glück der erde liegt auf dem Rücken der Pferde – und auf dem Kutschbock. Die Ohren der dunkelfuchsfarbigen Rösser sind aufmerksam aufgestellt – ein Befehl von Georg Brandl und los geht’s. Die Süddeutschen Kaltblüter Stella und Pia ziehen seine überdachte Western-Wagonette raus aus dem Luftkurort Lam. Heute hat der Kutscher eine Redakteurin, ein Ehepaar und eine Familie mit drei Kindern an Bord.

Vielleicht wäre ein sanft dahingleitender Schlitten das Tüpfelchen auf dem i der Idylle, aber mit schneearmen Wintern sind Räder praktischer als Kufen. Und sobald es auf verschneiten Wiesen und baumbestandenen Wegen entlang geht, dämpft die weiße Schicht alle Geräusche.

Romantische Idylle in der Natur
Vom Kutschbock blickt man aufs meditative Hin und Her der Pferdehintern, schaut rundum auf die Berge des Bayerischen Waldes und übers Land. Im Tal zwischen Osser, Hohem Bogen, Kaitersberg und Großem Arber bleibt der Schnee noch öfter liegen.

Sobald die Aufregung über die Art der Fortbewegung nachlässt, tauchen Gäste ein in die Entspannung, hören leises Schnauben, klappernde Hufe und das Knarzen der Lederriemen. Hier unter freiem Himmel hat der Kutscher schon einige Heiratsanträge miterlebt. Und bei so viel Romantik gab es immer ein „Ja“.

Mit einem ruhigen „Etz aufpassen!“ gibt Brandl den Stuten ein Zeichen. „Hott“ geht es nach rechts, „Wista“ nach links. Die sensible Stella reagiert sofort. Die Achtjährige ist aufmerksam und arbeitsfreudiger als die gemütliche Pia links neben ihr. Pia ist 13, aber am Alter alleine liegt es nicht.

Ihr Charakter sei Teil der Abstammung aus den historischen Hauptblutlinien der Süddeut­schen Kaltblüter, erzählt Brandl zwischen Anekdoten aus dem Lamer Winkel. Eigentlich arbeitet er als Polier bei einer Baufirma, wie andere Kutscher der Gegend bietet er in seiner Freizeit Kutschfahrten an. Seit neun Jahren holt er Urlauber am Wellnesshotel Sonnenhof Resort Lam oder anderen Unterkünften ab. Zweimal pro Woche ist er mit oder ohne Gäste unterwegs. Die Bewegung tut den traditionell zur Arbeit eingesetzten Tieren gut. Für sie ist das wie Sport, es trainiert Muskeln, Gelenke und gleicht die Psyche aus. Dafür dürfen die Kaltblüter auch täglich auf die Weide.

Geschichten aus dem Lamer Winkel
Die Fahrt führt entlang des „Sagenhaften Rundwegs“. Wanderer halten an Infotafeln, die Kutsch­gäste hören von Georg Brandl den Mythos vom Teufelsritt genauso locker, wie er von Veränderung im Ortskern berichtet. Eine Pause mit heißem Tee und Glühwein wärmt von innen. Mit „Wia“ geht’s weiter.

Für seinen Vater waren die Pferde Nutztiere, für ihn sind sie ein Hobby, in das er viel Arbeit steckt. „Meine Wellnesszeit” sagt er und grinst: „A Ross redt ned”. Die feinfühlige Reaktion auf seine sanften Worte und Zupfer an den Leinen fasziniert den 44-Jährigen, seit er zum ersten Mal kutschieren durfte. In der Jugend bestritt er Springreit-Turniere, war bereits 27-mal beim prächtigen Pfingstritt in Bad Kötzting dabei, einer Bittprozession mit über 600 Rössern und Reitern. Georg Brandls Augen blitzen begeistert, wenn er von Fahrten mit dem Sechsspänner beim Auszug des Gäubodenvolksfestes in Straubing erzählt. Brandl ist ein „Rosserer“ durch und durch, beherrscht mit seinem Gespann auch millimetergenaues Rangieren bei Rückewettbewerben.

Von Autos und Menschen lassen sich die Kaltblüter nicht beirren. Die Unterschiede in Temperament und Statur der zugfreudigen Stuten gleicht Brandl durch Kommandos aus. So werden beide gefordert. Beim Abschirren kommen die Urlauber den warmen Pferdeleibern nochmal ganz nah, dürfen sie streicheln und mit Karotten füttern. Die Steigung zurück zum Hotel mutet Brandl seinen Lieblingen nicht nochmal zu. Die Pferde bekommen eine Decke, ihre Abendration und die Gäste fährt Brandl mit dem Auto zurück. Viel zu schnell ist der kleine Ausflug vom Alltag zu Ende.

von Gertraud Wittmann

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