© H.C. Wagner

Zauberhaftes Christkind

Liebe und Frieden zur Eröffnung des Regensburger Christkindlmarktes

Das Christkind war da! Früh morgens liegen zuhause Strähnen von Engelshaar und zahlreiche goldene Glitzersterne am Boden vor dem Fenster. Der liebevoll gebastelte Wunschzettel ist verschwunden. Glückseligkeit und kindliche Vorfreude auf das näher rückende Weihnachtsfest paaren sich mit leichter Enttäuschung, weil man schon wieder das Christkind verpasst hat. Doch letztere währt nur kurz. Denn schon bald bietet sich die nächste Chance, um einen Blick auf das scheue Aushängeschild der katholischen Weihnacht zu werfen: an Heiligabend. Wenn die Eltern nicht aufpassen, kann man den Blick durchs Schlüsselloch riskieren. Mit etwas Glück legt das Christkind gerade die Geschenke unter den Weihnachtsbaum.
An ein paar Tagen in der Weihnachtszeit macht das Christkind jedoch eine Ausnahme und zeigt sich. Es möchte die Herzen der Menschen erfreuen, an ihre Nächstenliebe appellieren und ihnen Zuversicht und Hoffnung für die Zukunft schenken. Es ist nicht aufgeregt, als es durch den dichten Nebel an die verschneite Brüstung des Balkons der Alten Wache schwebt, um mit seinem Gedicht den Regensburger Christkindlmarkt zu eröffnen. Seine Anmut strahlt vom Balkon, die Krone auf seinen brünetten Locken funkelt im Licht der Scheinwerfer. Während die zahlreichen leuchtenden Kinderaugen gebannt zum Christkind emporblicken, erhellen plötzlich zwei Sprühfontänen die Nacht. „Möge der Glanz der Lichter nie vergehen und stets Frieden und Liebe in euren Herzen bestehen“, sagt es. „Wer ein Lächeln schenkt, bekommt meist auch eins zurück.“ Nach knapp zwei Minuten ist der Zauber vorbei, das Christkind ist vom Balkon verschwunden und die Regensburger Domspatzen stimmen „Süßer die Glocken nie klingen“ an.

Das Christkind kann schneidern
Viele Jahre hatte das Christkind den ihm so ans Herz gewachsenen Regensburger Christkindlmarkt am Neupfarrplatz schon nicht mehr besucht. Warum, weiß heute keiner mehr. Nicht einmal das Christkind selbst. „Es gibt einen Zeitungsartikel mit Foto aus den 1950er Jahren“, sagt Reinhard Kellner, Marktmeister der Stadt Regensburg. „Der Kontakt zwischen Stadt und Christkind war also früher schonmal da.“ Umso mehr freute er sich, als das Christkind 2022 im Regensburger Rathaus erschien und versprach, künftig zusammen mit dem Nikolaus, der Oberbürgermeisterin, dem Posaunenchor und den Regensburger Domspatzen das alljährliche bunte Weihnachtstreiben rund um die evangelische Kirche zu eröffnen.

Sein goldenes Kleid mit den Sternen sowie den weißen Mantel mit goldener Borte verziert hat sich das Christkind selbst designt und geschneidert
– nach einem Schnitt, der 1870 in Regensburg in Mode war. „Die Sterne vorne drauf sind für die Kinder, damit das Kleid schön glitzert“, sagt das Christkind. Warum es brünett ist und kein blonder Rauschgoldengel? „Ich liebe Traditionen“, erzählt es weiter. „Die Geschichte hat gezeigt, dass die meisten Regensburger von Natur aus brünett waren und nicht blond. Daher trage auch ich diese Haarfarbe.“ Und die funkelnde Krone? Warum kein Haarkranz? Das Christkind liebt Krönchen, hat mehrere zuhause. Doch diese eine, die es nur in Regensburg trägt, bedeutet ihm am meisten. Mit ihr verbindet das Christkind Heimat, Freude und eine tiefe Liebe zu den Menschen und der Stadt, in der es sich zuhause fühlt.

Fahren statt fliegen
Dabei macht es Regensburg dem Christkind nicht immer leicht. Einmal, als es vor dem Alten Rathaus aus dem Auto stieg, hat es ein Bub beobachtet und neugierig gefragt: „Warum fährt denn das Christkind mit dem Auto?“ Tja, wegen des Flugverbots über der Innenstadt sieht es das Ordnungsamt der Stadt nicht gerne, wenn das Christkind mit seinen Flügeln oder dem Schlitten fliegt. Die Flügel lasse es dann aus Sicherheitsgründen gleich ganz daheim. Und dann bleibe halt nur das Auto.
Mit dem Bus dagegen möchte das Christkind lieber nicht fahren. Es scheut den Kontakt zu den Menschen, huscht auch am Neupfarrplatz nur kurz durch die Menge und winkt den Kindern aus der Distanz zu. „Ich möchte ihnen die Mystik um meine Person nicht nehmen. Ich kann es an ihren Augen sehen, wie nah ich ihnen kommen darf, um ihren Glauben nicht zu zerstören“, sagt es.

Zeit, Lächeln und ein Duzi
Bei alten Menschen im Seniorenheim kennt es jedoch keine Scheu. „Wenn du da als Christkind stehst und siehst, wie einem dementen Menschen die Erinnerung zurückkommt. Wie sich die leeren Augen nur für ein paar Sekunden wieder mit Leben füllen, dann ist das Gänsehaut.“ Den Leuten für einen kurzen Moment Liebe, Wärme und die Erinnerung an etwas Schönes schenken, das ist der Grund, warum das Christkind seit ein paar Jahren wieder zu den Menschen auf den Neupfarrplatz kommt. Es kostet nur ein bisschen Zeit, schenkt ihnen aber viel. „Wenn jeder so denken würde, wenn jeder nur ein Bisschen gäbe, wäre die Welt so viel besser“, sagt das Christkind. „Es ist wie mit einem Lächeln. Es kommt fast immer eines zurück. Und das macht so glücklich.“


Heute hat das Christkind noch etwas anderes bekommen. Es deutet auf seine Tasche. Ein Mädchen hat dem Christkind seinen Duzi geschenkt. Schließlich sei das Mädchen jetzt groß und brauche ihn nicht mehr. „Das war sehr, sehr berührend“, sagt das Christkind. Und der Duzi? Der baumelt an der Umhängetasche, die das Christkind unter seinem Mantel trägt, während es zwischen den mittlerweile geschlossenen Buden des Christkindlmarktes verschwindet.

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von Dr. Marina Jung

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